Bureau Johannes Erler – Die Zerschlagung des Gordischen Knotens

Die Zerschlagung des Gordischen Knotens

Das Spielzeitbuch der Staatstheater Stuttgart war lange Zeit die visuelle Schwachstelle des größten, deutschen Dreispartenhauses. Jetzt ist das Problem endlich gelöst.

Autor

Johannes Erler

Kategorie

Allgemein

Datum

30.07.2019

Seit wir vor fast zehn Jahren unsere Zusammenarbeit mit den Staatstheatern Stuttgart begannen, wurde ein Gestaltungsproblem immer wieder ausgeklammert: Die Gestaltung des Spielzeitbuches nämlich. Das Problem entstand durch die besondere Organisationsstruktur des Dreispartenhauses: Jede der Sparten Oper, Ballett und Schauspiel hat nämlich einen eigenen Intendanten – und damit nicht nur vollkommene künstlerische Freiheit, sondern auch ein eigenes Erscheinungsbild. Und diese drei vollkommen unterschiedlichen Erscheinungsbilder in einem gemeinsamen Spielzeitbuch zu vereinigen, war und ist tatsächlich eine große Herausforderung.

Einmal hätte uns dieses Provisorium, mit dem wir eigentlich nie etwas zu tun hatten, außer den Mantelteil der übergeordneten, organisatorischen Instanz (eben: Die Staatstheater Stuttgart) zu gestalten, fast einen Job gekostet. Da wir nämlich für das Erscheinungsbild der Staatstheater Stuttgart stehen, hatte Daniel Herzog, Neuintendant der Staatstheater Nürnberg, angenommen, wir hätten auch das Spielzeitbuch, das er als einen stillosen Mischmasch empfand, zu verantworten. Das Missverständnis konnte aufgeklärt werden – und wir gestalteten auch für Nürnberg.

Warum dieser zweifelhafte Status Quo über Jahre Bestand hatte, ist eine andere Geschichte. Mit dem großen Intendantenwechsel im letzten Jahr wurde die Angelegenheit auf jeden Fall plötzlich dringlich, denn keiner der drei Neuen (Victor Schoner/Oper, Tamas Detrich/Ballett und Dietmar Kosminski/Schauspiel) mochte das alte Konzept, in dem die drei verschiedenen Spartenteile mit ihren unterschiedlichen Erscheinungsbildern einfach hintereinander weggedruckt wurden, nur so halb zusammengehalten vom Mantelteil im Gewand der Staatstheater Stuttgart. Und die ganze Kompliziertheit, die diesem besonderen »Stuttgarter Modell« eben auch innewohnt (haben Sie schon mal vier Intendanten in einem Raum über eine Sache diskutieren erlebt?) wurde mit einmal offenbar – was ja häufig so ist, denn Erscheinungsbilder sind auch Spiegel der inneren Organisation von Unternehmen und Institutionen.

Also gingen wir es endlich »richtig« an. Wobei das Grundproblem, nämlich die vier unterschiedlichen Erscheinungsbilder, die je aufeinanderprallen, weiterhin bestand.

Die Lösung lag in zwei Entscheidungen: Erstens überarbeiteten wir das Erscheinungsbild der rahmengebenden Staatstheater Stuttgart und nahmen es deutlich zurück. Diese neue Zurückhaltung half schon einmal, die drei Spartenteile deutlicher hervorzuheben. Zweitens legten wir »Pufferseiten« zwischen die drei Spartenteile, damit die nicht nicht mehr so je aufeinanderkrachten. Und in dem wir diese Pufferseiten mit einem deutlich sichtbaren Papierwechsel unterstützten (der Teil der Staatstheater ist auf einem gelblichen Buchdruckpapier gedruckt, die Sparteteile auf einem hochweißen Offsetpapier), kehrte sofort Ruhe ein.

Das neue Layout

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Die abschließende Frage war dann noch, wie wir die Pufferseiten gestalten wollten. Und die Lösung hieß: Harald Schmidt.

Inspiriert durch die fantastische Wes Anderson-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien, in der Anderson aus den verborgenen Archiven des Museums eine äußerst skurrile Ausstellung kuratierte, baten wir einen der bekanntesten Stuttgarter, sich einmal hinter den Kulissen umzuschauen, auszuwählen, was ihm interessant erschien, und diese Auswahl anschließend in Schmidt-Deutsch zu kommentierte. Der Meister ließ sich nicht zwei Mal bitten.

Herausgekommen ist also ein illustriertes Kuriositätenkabinett der besonderen Theaterart (Illustrationen: Anje Jager). Mit Gegenständen, die Zuschauer*innen sonst nie zu Gesicht bekommen. Und mit Kommentaren, die lustig und lesenswert sind. Und das gute an diesem Konzept ist: im nächsten Jahr kann ein*e andere*r Stuttgarter*in eine neue, persönliche Auswahl treffen und kommentieren.

Harald Schmidt

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Das Spielzeitbuch ist sehr schön geworden und kommt großartig an. Und auch die für sich betrachtet hervorragend gestalteten Spartenteile können jetzt viel besser glänzen, weil sie quasi gerahmt sind.

Mit Design hat das eine Menge zu tun. Zum einen natürlich, weil es einfach gut aussieht. Zum anderen aber ist das Konzept dahinter rund. Und das war die schönste Erfahrung hinter diesem Projekt: Vier Intendanten zogen nach anfänglichen Startproblemen am Ende leidenschaftlich an einem Strang. Und genau das verstehe ich unter Kommunikationsdesign.

Burkhard C. Kosminski, Victor Schoner, Marc-Oliver Hendriks, Tamas Dietrich (Foto: Julia Sang Nguyen)

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