Bureau Johannes Erler – Hirn, Hand, Herz #10: Das neue VW-Logo

Hirn, Hand, Herz #10: Das neue VW-Logo

In seiner Kolumne »Hirn / Hand / Herz« für die PAGE schreibt Johannes Erler kritisch über Design. »Hirn« meint dabei die nüchterne, rationale Betrachtung. »Hand« untersucht die handwerkliche Qualität. »Herz« steht für den emotionalen, persönlichen Eindruck.

Autor

Johannes Erler

Kategorie

Allgemein

Datum

14.10.2019

Es dauerte wieder mal keine paar Stunden, da waren die einschlägigen Marketing-Gazetten voll mit schnell aus der Hüfte geschossenen Beurteilungen ganz vieler Kollegen zum neuen VW-Corporate Design und insbesondere zum neuen VW-Logo.

Die Aufregung war verständlich, denn vor allem das Logo war so komplett anders geraten, als die Version davor, dass dies bei allen, für die so ein Thema wichtig ist, etwas auslöste: Begeisterung oder Ablehnung oder Zweifel. Die Frage ist nur immer wieder, ob die persönlich vollkommen gerechtfertigte Emotion des ersten Augenblicks einer sachlichen und nachhaltigen Beurteilung zuträglich ist. Und ob die Aufregung, die in solchen Momenten in der Branche entsteht, der Branche hilft. Man wird ja bei sowas das Gefühl des Haifischbeckens, in dem wir alle gemeinsam schwimmen, einfach nicht mehr los.

Um so glücklicher bin ich mit dem Format meiner Kolumne, die mir über die Entschleunigung, die das Erscheinungsdatum der Printausgabe der PAGE zwangsläufig mit sich bringt, immer ausreichend Zeit gibt, in Ruhe zu recherchieren und zu reflektieren.

Und so bin ich auch in diesem Fall zu einem anderen Eindruck gekommen, als dem, den mir mein erster Impuls vielleicht in die Tasten diktiert hätte. Unterm Strich: Das neue VW-Logo ist ein großer Wurf! Warum, das folgt jetzt hier:

Vor etwa 15 Jahren nahm mich ein Freund mit in so ein High-Fidelity-Studio, wo man Musikanlagen feinster Qualität zu gröbsten Preisen bestaunen kann. Dort saß er dann selig vor gigantischen Boxentürmen, die durch daumendicke Kupferkabel mit glänzenden Endstufen und Equalizern kommunizierten. Ich jedoch interessierte mich mehr für einen winzigen Kasten, der etwas abseits stand und ganz anders aussah. »Das!«, raunte mir der gewiefte Verkäufer zu, »Das ist der heiße Scheiß! Ich sag nur: Reduktion!« Und dann erklärte er mir, dass ein japanisches Genie aus diesem Gerät einfach alles ausgebaut hätte, was da angeblich reinmuss (Kondensatoren, Drahtbrücken, Platinen), auch die Kabel maximal verdünnt hätte und siehe da: Der Sound, der aus dem Hi-Fi- Zwerg perlte, war genau so brillant wie nebenan bei meinem Freund. »Weil«, so der Fachmann, »die Musik nicht so viele Widerstände überwinden muss.« Das leuchtete mir sofort ein. Und ich beschloss, dass Verzicht und Reduktion die Zukunft seien.

An diese Geschichte muss ich seitdem immer wieder denken. Auch, als ich jetzt das neue VW-Logo sah. Und ohne mich auch nur eine Sekunde mit den Hintergründen dieses gewaltigen Relaunchs beschäftigt zu haben, sah ich in diesem Sinne – Verzicht, Reduktion – plötzlich die Zukunft der Mobilität. In einem Logo! Und das meine ich nicht ironisch.

HIRN: »Fridays for Future«, Abgasskandal, Klimaziele, CO2-Steuer, Wirtschaftsstandort Deutschland, E-Mobilität: Die Auto-Buzzwords fliegen uns gerade wie Schrapnelle um die feinstaubverstopften Ohren. Alles! muss! anders! Einerseits sofort, andererseits aber bitte nicht zu heftig. Dieses dauerstressige Paradoxon implodiert in der News-Zeile, dass »trotz Klimadiskussion der Trend zum SUV in Deutschland ungebrochen ist«. Und zwischen der Nachricht, dass nun auch noch Porsche einen tonnenschweren EBoliden über die Straßen jagen will, und Christian Lindners Menetekel eines »autoritären Ökologismus « suche ich nach einer Lösung, die den notwendigen Verzicht mit gewohntem Komfort verbinden kann (wenn das überhaupt geht) – und entdecke das neue VW-Logo: leicht, schlank, transparent. Die visuelle Antithese zum SUV-Irrsinn. So lese ich es. So muss es gedacht sein. Und wenn so die Mobilität der Zukunft aussähe, fände ich dies erst mal spannend.

HAND: Flat und dünner machen ja gerade alle, aber das W aus dem Kreis zu lösen und quasi zum Schweben zu bringen ist eine brillante Idee, weil es der sichtbare Schritt nach vorn auf der Schwelle der mobilen Zeitenwende ist (in diesem Sinne wäre das oft erwähnte Logo von 1967 eben keine Lösung gewesen). Und ja, vielleicht sind die runden W-Ecken und der ziemlich dünne Kreis diskutabel, doch wer in nächster Zeit mal wieder hinter einem VW im Stau steckt, dem wird das alte Logo in seiner durchhängenden Bräsigkeit vorkommen wie der Schlussakkord auf den ollen Benziner. Das New-Volkswagen-Corporate-Design als Ganzes (Farbkonzept, Bildwelten, Schrift, Gestaltungsraster) finde ich allenfalls gelungen, doch das Logo transportiert aus einer schlauen Handwerklichkeit und dem Trick mit dem W ein modernes Mindset auf kleinstem Raum.

HERZ: Ich verstehe nichts von Autos, und den Fetisch Auto habe ich nie begriffen, aber ich sehe natürlich, dass die Zukunft der Mobilität ein Thema ist. Wenn nun VW seine großspurigen Versprechungen wahr macht und mit dem ID.3 so etwas wie die zeitgemäße, umweltverträgliche Variante von Käfer oder Golf gelungen sein sollte, dann finde ich das eine gute Nachricht (Warum heißt das Ding eigentlich so pseudomodern ID.3 und nicht Hannah oder Lina?). Das Logo jedenfalls weist in diese Richtung. Denn so wünsche ich mir moderne Mobilität: leicht, praktisch und effizient im Energieverbrauch. Das Logo setzt solche Fantasien frei, und für den Moment möchte ich gern daran glauben, dass sie wahr werden. Mehr kann ein Logo nicht leisten.

PS: Soeben erreicht mich das Gerücht, dass VW mutmaßlich auch noch nach Offenlegung des Diesel- Skandals »Schummel-Software« in neue Modelle mit der Euro-6- Abgasnorm eingebaut haben soll. Tja …