Bureau Johannes Erler – Offen, licht und transparent. Über das neue Erscheinungsbild des Theater Münster

Offen, licht und transparent. Über das neue Erscheinungsbild des Theater Münster

Autor

Johannes Erler

Kategorie

Allgemein

Datum

15.06.2022

Als das junge Architektenquartett Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau im Jahr 1954 mit ihrem kühnen Entwurf den Wettbewerb um den Neubau des Theater Münster gewann, lag die schwärzeste Epoche der jüngeren Menschheit kaum eine Dekade zurück. Münster war zerstört. Auch das Theater lag in Schutt und Asche. Wenn wir heute Bilder des zerbombten Mariupol in der Ukraine sehen, weckt dies schlimmste Erinnerungen. 

Der Zeit des Nazi-Regimes, das Finsternis, Verzweiflung, Lügen, Misstrauen und grenzenlose Gewalt in die Welt gebracht hatte, setzten die Architekten ein Fanal für den demokratischen Aufbruch entgegen und verabschiedeten sich nebenbei von der Idee eines Theaters nach alter Repräsentationsmanier. Optik und Funktion des Neubaus waren vollkommen auf Offenheit, Licht und Transparenz ausgelegt. Das Theater sollte der Raum sein, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von allen Menschen gemeinsam verhandelt werden. Ein strahlender Ort der Begegnung auf Augenhöhe. Eine Umgebung, in der Neues möglich werden konnte. Mit seinen üppigen Glas­fassaden, den schwebenden Freitreppen, der durch­lässigen Raumstruktur und nicht zuletzt mit den 1.200 Leuchten, die den Großen Saal erhellen, wurde das Theater Münster viel mehr als ein Neubau. Es wurde ein Symbol für den Neubeginn.

Fast 70 Jahre (und einige Umbauten) später ist der Glanz dieses international gerühmten Bauprojektes zwar etwas verblichen, aber der großartige Geist des Hauses leuchtet ungebrochen, und das Erstaunen ist noch immer groß, wenn man durch das Theater wandelt, so klug und detailreich ist das geschilderte Narrativ sichtbar und spürbar.

Die vielen Details des Theatergebäudes bilden nun auch die Basis für das neue visuelle Erscheinungsbild des Theaters Münster – und verknüpfen den baulich gewordenen Grundgedanken mit dem Motto der neuen Intendanz: »Münster, Stadt der Verhandlungen«.

 
Bureau Johannes Erler – Offen, licht und transparent. Über das neue Erscheinungsbild des Theater Münster
Bureau Johannes Erler – Offen, licht und transparent. Über das neue Erscheinungsbild des Theater Münster
Bureau Johannes Erler – Offen, licht und transparent. Über das neue Erscheinungsbild des Theater Münster

Aus architektonischen Details, die sich am und im Gebäude befinden, entstanden grafische Flächen in leuchtenden Farben, die durch transparente Überlappungen Schnittmengen in neuen Tönungen und Formen ergeben – Schnittmengen, die sich auch als Analogie auf das verstehen lassen, was aus Verhandlungen resultieren kann: Das Neue, das erst dann möglich wird, wenn Meinungen vorurteilsfrei und ergebnisoffen übereinandergelegt werden.

Das Theater Münster als Ort der Verhandlung wird so auch in seinem Erscheinungsbild sichtbar: in unzähligen Formen- und Farbenspielen, die für eine offene, lichte und transparente Gesellschaft stehen, deren höchstes Gut die Freiheit ist, über (fast) alles verhandeln zu können. Den klugen und weitsichtigen Architekten des Hauses hätte diese Interpretation ihrer Arbeit hoffentlich Spaß gemacht.